In andere Welten eintauchen

Eine wunderbare Weise des Lernens ist das Lesen. Wir lesen uns oft gegenseitig vor, jedenfalls alle, die lesen können. Ich genieße es, wenn mein Großer beim Lesen unterschiedliche Charaktere entwickelt für die Protagonisten in einem Buch und so in jede Rolle eintaucht.

Wir nehmen uns viel Zeit zum Lesen und tauchen auch gemeinsam in die Geschichten ab. Eine Zeit lang, als unser damals Sechsjähriger schon richtig gut lesen konnte (ja er war früh dran) und auch anfing eigene kleine Romane zu lesen, habe ich eine Lesezeit am Tag etabliert. Eine halbe Stunde haben wir uns ins Wohnzimmer gekuschelt, mal jede*r für sich, mal alle aneinander. Und jede*r hat für sich allein etwas gelesen. Ich habe endlich mal wieder geschafft, ein Buch fertig zu lesen, eine Zeitung oder Zeitschrift durchzulesen und unser damals Zweijähriger hat ziemlich schnell verstanden, dass auch er in dieser Zeit seine Bilderbücher für sich allein entdeckt.

Im Moment ist unser Ritual, dass ich abends lese bis unser Vierjähriger eingeschlafen ist. Wir lesen alles, worauf wir Lust haben und wechseln die Zielgruppen durch, mal mehr etwas für den Vierjährigen, mal etwas für den Achtjährigen und auch mal etwas, dass mir ein wenig mehr Spaß macht oder wichtig ist, als meinen Kindern. Es ist eine zauberhafte Gelegenheit, Klassiker der Literaturgeschichte auszukramen und gemeinsam zu erleben.

Ich wünsche allen Kindern, dass sie erfahren dürfen, wie es ist, selbst in die tiefen Welten von Büchern einzutauchen. Dazu darf Lesenlernen kein Zwang sein. Es muss fernab von jeder Bewertung stattfinden dürfen und vor allen Dingen in ganz eigenem Tempo.
Die Fähigkeit lesen zu können muss ein Kind nicht im ersten Schuljahr erwerben. Lesen- und Schreiben gelten als Einheit, die bis zum Ende des zweiten Schuljahres jedes Kind beherrschen sollte. Ein Kind darf also gut und gern zwei ganze Jahre Zeit haben, sich in der Welt der Buchstaben zurecht zu finden.

Je nachdem, wie sensibel dein Kind ist, mag ein Satz wie ‚Lies doch mal vor, du bist doch jetzt schon in der Schule!‘ Oder ‚Wieso kannst du das denn jetzt noch nicht lesen?‘ dein Kind in tiefe Verzweiflung stürzen. Es erlebt ein Versagen, für dass es sich selbst die Schuld gibt.
Für uns Eltern ist es meist gar nicht so schwer, die Geduld aufzubringen und uns gleichzeitig echt und angemessen mit jedem erlernten Buchstaben zu freuen. Freunden und Verwandten, die entweder schon länger aus der Schule raus sind oder aber noch keine Kinder im Lesealter haben, rutschen solche Sätze jedoch ganz ohne weiter nachzudenken raus. Unsere Aufgabe als Eltern und Lernbegleiter*in in dieser sensiblen Phase ist es, unsere Kinder vor diesen Erfahrungen zu schützen.

Was können wir denn aber unterstützend als Eltern tun, wenn wir unsere Kinder nicht ermutigen sollen, lesen zu lernen? Die Antwort lautet: selbst lesen. Volle Bücherregale, Interesse an unterschiedlichen Leseformaten selbst leben. Auch Lesen auf dem Tolino oder Tablet ist natürlich eine Form des Lesens, nur müssen wir uns dabei vorher überlegen, was wir gern möchten, worin unsere Kinder ein Interesse entwickeln sollen. Sehen sie uns stetig an mobilen Endgeräten, werden sie es über kurz oder lang auch einfordern. Und genauso verhält es sich eben auch mit dem Lesen.

Zum Abschluss noch ein persönliches Highlight beim Lesen des Buches ‚Die Schatzsuche‘ von Helme Heine. Es war die Reaktion meines Sohnes auf folgenden Absatz: „Die lebten hier in ihrem Paradies und hatten nicht einmal einen Anführer, der bestimmte, wo es lang ging. Schockiert hatte er mit angesehen, dass sie über jede Kleinigkeit abstimmten […]. Wenn ich sowas höre, dachte Horst, kriege ich die Krise. In seiner Bande hatte nur einer was zu sagen und das war er. Einzig und allein er. Man konnte im Leben eben nur etwas erreichen, wenn einer bestimmte und alle anderen die Schnauze hielten und gehorchten.“ (Horst ist ein Wildschwein, daher die Schnauze.) Er schüttelte nur den Kopf und meinte trocken: „Nee, gar nicht wahr.“

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Madeleine Holzenburg
Ich helfe Eltern dabei, zu entspannten Lernbegleiter*innen für Ihre Schulkinder zu werden. Die täglichen Herausforderungen des Schulsystems kenne ich aus meiner Zeit als Grundschul- und Gymnasiallehrerin. Als Mutter zweier Jungs weiß ich, was der Familienalltag für Hürden mit sich bringt. Und als Reisende begleite ich meine Kinder seit über einem Jahr als Lernbegleiterin beim selbstständigen Lernen. Diese vielseitige Erfahrung und mein Wissen aus unterschiedlichen Bereichen und Perspektiven möchte ich weitergeben. Mehr lesen

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